Editorial 1/2010
Wenn man wollte, könnte man das „Bibliotheksjahr“ 2010 als das Jahr der Evaluierungen bezeichnen. Der Wissenschaftsrat ist gerade dabei, die Verbünde zu evaluieren, die Deutsche Forschungsgemeinschaft möchte das Sondersammelgebietsprogramm einer Überprüfung unterziehen. In beiden Fällen ist es sicherlich gerechtfertigt davon auszugehen, dass Strukturen, die unter ganz anderen Vorzeichen entstanden sind (das SSG Programm lässt sich bis auf das Jahr 1908 zurückverfolgen), im Lichte heutiger Gegebenheiten durchaus evaluierungswürdig sind.
Nun sind Evaluierungen aber so eine Sache. Sie stellen immer eine Gratwanderung dar zwischen dem Erkennen von notwendigem Veränderungsbedarf und dem Risiko, bewährte Strukturen zu zerschlagen, nur weil Veränderung per se als Fortschritt angesehen wird. In einer Zeit, in der auch große bibliographische Datenbanken für sich nicht mehr zeitgemäß, sondern Nachweis und Verknüpfung mit Content das Gebot der Stunde sind, muss Vieles in der Vergangenheit Bewährte sicherlich neu überdacht werden. Dabei ist jedoch festzustellen, dass die Sondersammelgebiete noch nie ihren Focus primär auf Metadaten, sondern schon immer auf das Sammeln und Verfügbarmachen von Dokumenten gelegt haben. Erschließung und Nachweis waren für sie lediglich Hilfsmittel zur Erfüllung ihrer eigentlichen Aufgabe.
Bei den Verbünden dürfte sich die Sachlage schon differenzierter darstellen. Aber auch hier gilt es abzuwägen zwischen sinnvollen (Struktur)-Veränderungen und der puren Lust, auf jeder Welle der „social community hypes“ zu surfen. Ob Facebook, Twitter oder Google Buzz nun gerade die geeigneten Instrumente sind, Lehre und Forschung voranzubringen, darf doch zumindest hinterfragt werden. Wie viele Bibliotheken waren vor 2 oder 3 Jahren noch der Meinung, sie müssten unbedingt in „Second Life“ präsent sein? Heute interessiert sich hingegen kaum noch jemand für Avatare und ihre Abkömmlinge, auch wenn ein gleichnamiger Kinofilm durchaus erfolgreich ist.
Veränderung um der bloßen Veränderung willen ist weder vernünftig noch nachhaltig. Zurzeit spüren das u.a. die Erfinder der Agenda 2010 genauso wie die Studienreformer der Bologna Bewegung, und die Protagonisten der großen Gesundheitsreform stehen auch kurz vor ihrem Waterloo.
Aber wenden wir uns nun dem diesjährigen Bibliothekskongress zu. Unter dem Motto „Menschen wollen Wissen“ gab es noch nie so viele Veranstaltungen, die in ihrem Titel eine Frage aufwerfen. Beispiele ohne Wertung sind: Stirbt der OPAC? Warehouse goes Wiki? Unsere Kunden, was wollen die bloß von uns? Wie gründe ich einen Bibliotheksfreundeskreis? Kultur in der Krise? Was kommt nach den Nationallizenzen? Hätte das Motto dann vielleicht doch besser gelautet: „Menschen wollen wissen“ Aber wie jedes Jahr, gibt es auch für all diejenigen, denen das Alles zu viel wird, eine echte Alternative. Im Rahmenprogramm wird am Mittwochabend nämlich ein Nachtwächterrundgang angeboten.
Von: Bernd Dugall
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