Editorial 4/2009
Auch in diesem Heft spielt der Bibliotheksbau wiederum eine zentrale Rolle. Mit dem Jacob und Wilhelm Grimm-Zentrum ist an der Humboldt Universität sicherlich ein beeindruckendes Bauwerk entstanden. Beeindruckend nicht nur aufgrund seiner architektonischen Ausprägung, sondern auch und gerade wegen seiner multifunktionellen Aufgabenstellung. Dieses Gebäude stellt einen weiteren Beweis für die These dar, dass trotz zunehmender Digitalisierung, die ja nicht nur die Objekte selbst, sondern auch ihre Nutzungsformen betrifft, der physische Raum als Feld sozialer Interaktionen noch immer eine entscheidende Rolle spielt. In Berlin wurde mit dem Zentrum die bereits bei dem in Adlershof vor einigen Jahren errichteten Gebäude eingeschlagene Philosophie der Zusammenfassung von Diensten der Bibliothek und des Rechenzentrums unter dem Blickwinkel der Nutzer fortgesetzt. Ob auch hier irgendwann ein Umschwung erfolgt, bleibt abzuwarten. Registriert werden muss jedoch, dass inzwischen nicht nur e-Learning an Hochschulen zunimmt, sondern auch immer mehr Firmen Schulungen und Präsentationen im Rahmen so genannter „Webinare“ anbieten, die ja gerade darauf ausgelegt sind, dass die Teilnehmer sich nicht mehr an einem physischen Ort zusammenfinden müssen.
Das erste Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts wird wahrscheinlich in die deutsche Hochschulgeschichte als dasjenige eingehen, in dem der Bibliotheksbau noch einmal eine wirkliche Renaissance erlebt hat. Betrachtet man die Zahl der in den letzten Jahren entstandenen Neubauten oder auch Erweiterungen und berücksichtigt man zusätzlich die noch laufenden Vorhaben, so wird man eine ähnliche Entwicklung nur noch für die späten 60er und dann 70er Jahre des vorigen Jahrhunderts konstatieren können. Wie sehr die Diskussion sich jedoch gegenüber dieser Zeit verändert hat, lässt sich nicht nur daran ermessen, dass z. B. der Begriff „Katalogflächen“ in heutigen Bauplanungen nicht mehr vorkommt; viel stärker ist dies etwa daran zu erkennen, dass auch Zuwachsflächen keine Rolle mehr spielen. Das physische Wachstum des Bestandes findet kaum noch statt, das digitale hingegen benötigt keinen Platz. Wir haben uns also bestandstechnisch gesehen von der Phase der unabdingbaren Erweiterung hin zur Stagnation bewegt. Die vor zehn Jahren schon propagierte „self renewing library“ ist vielerorts bereits ohne allzu große Nebengeräusche Wirklichkeit geworden. Aber auch dies dürfte in einer immer komplexer vernetzten Welt mit immer mehr virtuellen Anwendungen nur ein Zwischenschritt sein. Auch wenn das Google Book Settlement in letzter Minute noch zu einer Hängepartie geraten ist, so wird es doch irgendwann Realität werden. Die daraus unter anderem für den Bibliotheksbau abzuleitenden Konsequenzen, werden wir dann wohl im nächsten Jahrzehnt erfahren dürfen.
Von: Bernd Dugall
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